Gute Freundschaften: „Wie viele Freunde hast du?“. Diese Frage taucht immer wieder auf, manchmal ganz direkt, manchmal eher indirekt. In sozialen Medien wirkt es oft so, als sei die Anzahl von Freunden fast eine Art Währung: je mehr Kontakte, desto beliebter, desto erfolgreicher, desto sozialer.
Ich habe das ehrlich gesagt nie ganz verstanden. Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, hatte ich eigentlich immer eher wenige Freundinnen. Nicht, weil ich keine wollte oder keine gefunden hätte, sondern weil mir die Anzahl nie besonders wichtig war, mich zu viele regelmäßige Kontakte sogar eher überfordert haben. Ich war nie der Typ Mensch, der unbedingt einen großen Freundeskreis brauchte, um sich wohlzufühlen. Mein Gedankengang war diesbezüglich eher so: „Wer besonders viele sogenannte Freunde hat, muss seine Aufmerksamkeit auf alle verteilen und kann sich somit mit jeder einzelnen Person nur oberflächlich beschäftigen.“
Gute Freundschaften – meine Geschichte
Somit war es schon als Kind so, dass weniger für mich mehr war. Natürlich hatte ich Freundinnen, mit denen ich gespielt habe, mit denen ich meine Nachmittage verbracht habe oder draußen unterwegs war. Aber ich hatte nie das Bedürfnis, Teil einer großen Gruppe zu sein. Zwei oder drei enge Freundinnen haben mir immer völlig gereicht. In meiner Jugend hat sich das dann allerdings ein wenig verändert. Meine Teenagerzeit fiel in die 90er, und plötzlich spielten andere Dinge eine Rolle: Partys, Kinoabende, gemeinsame Sommerurlaube oder einfach lange Abende mit Gesprächen über alles Mögliche. Freundinnen waren die Menschen, mit denen man zum ersten Mal wirklich selbstständig unterwegs war. Gleichzeitig erinnere ich mich aber daran, dass mir auch damals schon die Gespräche besonders wichtig waren. Ich mochte es immer, mit Menschen lange über Dinge zu reden: über das Leben, über Ideen, über Gedanken.
Doch was macht gute Freundschaften eigentlich aus? Ein Detail, das sich durch mein Leben gezogen hat: Meine engen Freundschaften waren fast immer mit Frauen. Männliche Freunde gab es zwar gelegentlich, aber selten in einer wirklich engen Form. Meine tiefsten Beziehungen waren immer Freundinnen, mit denen ich mich austauschen konnte und mit denen Gespräche oft stundenlang dauern konnten. Was mir dagegen schon früh schwerfiel, waren große Cliquen. Diese Dynamiken, in denen ständig irgendjemand über jemand anderen spricht, in denen plötzlich neue Allianzen entstehen oder jemand außen vor ist, das hat mich immer eher angestrengt als bereichert, mir teilweise sogar regelrecht Angst gemacht. Heute verstehe ich das besser als früher. Ich weiß inzwischen, dass ich neurodivergent bin (AuDHD), und mein Gehirn kommt mit solchen sozialen Strukturen einfach nicht besonders gut zurecht. Einzelne Freundschaften fühlen sich für mich viel klarer und entspannter an als komplexe Gruppendynamiken.
In meinen Zwanzigern hatte ich zeitweise etwas mehr Kontakte als heute. Das lag vor allem daran, dass ich damals auch mehr unterwegs war. Ich wollte feiern gehen, reisen, neue Dinge erleben. Da gab es dann auch Bekanntschaften oder Freundschaften, die sich hauptsächlich ums gemeinsame Ausgehen drehten. Aber selbst in dieser Phase meines Lebens waren es selten mehr als sechs oder sieben Menschen, mit denen ich wirklich regelmäßig Kontakt hatte.
Mit den Jahren hat sich mein Blick auf Freundschaft noch einmal verändert. Je älter ich wurde, desto klarer wurde mir, dass ich gar nicht viele Menschen um mich herum brauche, dass es für mich sogar eher schädlich als bereichernd sein kann. Wichtig sind vor allem die wenigen, auf die man sich wirklich verlassen kann.
Natürlich verändern sich im Laufe der Zeit auch die Lebensrealitäten im Freundeskreis. Einige Freundinnen haben inzwischen Kinder, andere leben mit ihren Partnern zusammen, wieder andere haben ganz andere Wege eingeschlagen. Hier ist es besonders wichtig, für die Lebensrealitäten der Freundinnen offen zu sein, auch wenn sie von der eigenen abweichen. Ein einfaches Beispiel: Eine meiner engsten Freundinnen hat vor einigen Jahren eine Tochter bekommen, ich selbst wollte nie eigene Kinder. Trotzdem interessiere ich mich sehr für ihr Kind, habe darum auch viel recherchiert, was Babys und Kleinkinder mögen, damit zu Geburtstagen oder bei Besuchen immer ein kleines Geschenk mitbringen kann, zum Beispiel etwas Schönes zum Anziehen . Denn solche Aufmerksamkeiten sind für mich ein wichtiger Bestandteil guter Freundschaften.
Freundschaften: Qualität vor Quantität
Für mich persönlich ist aber auch noch etwas anderes entscheidend geworden: Freundschaft misst sich nicht daran, wie oft man sich sieht. Viele meiner engsten Freundinnen wohnen heute in anderen Städten. Früher hätte ich vielleicht gedacht, dass solche Entfernungen Freundschaften automatisch schwächer machen, heute sehe ich das anders. Manchmal sehen wir uns nur ein bis zwei Mal im Jahr. Aber wenn wir uns treffen oder telefonieren, fühlt es sich sofort vertraut an.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Freundschaften einfach von selbst funktionieren. Auch tiefe Beziehungen brauchen Aufmerksamkeit. Man muss sich melden, Interesse zeigen, zuhören. Ich versuche deshalb bewusst, mir Zeit für die Menschen zu nehmen, die mir wichtig sind. Das kann bedeuten, ausführliche Nachrichten zu schreiben, wirklich zuzuhören oder gezielt Treffen zu planen. Und manchmal bedeutet es auch, sich in den Zug zu setzen und jemanden zu besuchen, selbst wenn man an dem Tag vielleicht eigentlich lieber auf dem Sofa bleiben würde. Gerade wenn Freunde in anderen Städten wohnen, kann es sonst schnell passieren, dass Jahre vergehen, ohne dass man sich sieht.
Meine Tipps für Freundschaften
Einige Dinge haben sich für mich im Laufe der Jahre als besonders wichtig herausgestellt:
• Sich bewusst Zeit füreinander nehmen
Gute Freundschaften passieren nicht einfach nebenbei. Manchmal muss man sich aktiv Zeit dafür nehmen, sei es für ein Treffen, ein Telefonat oder eine längere Nachricht. Denn auch Freundschaften sind Beziehungen und brauchen ein gewisses Maß an Arbeit, um sich gut zu entwickeln.
• Zuhören können
Gute Gespräche entstehen nicht nur dadurch, dass man selbst viel erzählt. Mindestens genauso wichtig ist es, wirklich zuzuhören.
• Die richtigen Fragen stellen
Statt nur oberflächlich zu fragen „Wie geht’s?“, lohnt es sich, genauer nachzufragen. Was beschäftigt die andere Person gerade? Was hat sich in ihrem Leben verändert?
• Kleine Gesten nicht unterschätzen
Eine Postkarte aus dem Urlaub, eine kleine Aufmerksamkeit oder ein unerwartetes Geschenk können viel bedeuten. Es geht dabei nicht um den materiellen Wert, sondern um das Zeichen: Ich habe an dich gedacht.
• Akzeptieren, dass sich Lebensphasen verändern
Freundschaften verändern sich, wenn Menschen umziehen, Kinder bekommen oder neue Prioritäten setzen. Das ist normal und bedeutet nicht automatisch, dass eine Freundschaft weniger wert ist.
• Qualität vor Quantität
Viele Bekanntschaften zu haben kann schön sein. Aber am wertvollsten sind oft die wenigen Menschen, mit denen man sich wirklich verbunden fühlt.



Sehr treffend beschrieben, worauf es in echten Freundschaften wirklich ankommt. Solche Gedanken gehen nah und bleiben im Kopf 🙂