Politische Lage und Sicherheit – warum ich trotzdem gegen Reiseboykotte bin

“Was? Da willst du hin? Hast du denn keine Angst?” – diese oder ähnliche Fragen stellt man mir zumeist wenn ich erzähle, dass ich bald nach Ägypten fliege. Genauso war es letztes Jahr mit der Türkei. Und bei beiden Ländern kann ich nur lächeln und mit einem klaren “nein” antworten.

Wegen Terrorgefahr zu Hause bleiben?

Natürlich, die Fragen zielen auf Terroranschläge ab und selbstverständlich empfinde auch ich Terror irgendwie als bedrohlich und bin im ersten Moment schockiert, wenn ich morgens im Radio wieder eine Meldung von einer Bombe, einer Amokfahrt oder ähnlichem höre. Schlimm, dass es solche Menschen gibt, auf jeden Fall. Aber Verrückte gab es immer und wird es immer geben, leider.

Und gerade hier in Europa sind die momentan ja ganz schön aktiv. Ist es nicht also mindestens genauso gefährlich, wenn ich nach Köln fahre (was ich fast täglich tue) und dort am Hauptbahnhof aussteige, auf die Domplatte trete und vorm Kölner Dom stehe? Doch, das ist es bestimmt. Außerdem bin ich bei sowas absolute Realistin und Statistiken helfen mir. So sagte der Moderator der Morgensendung auf meinem aktuellen Radiosender Cosmo gerade erst, dass es statistisch weitaus wahrscheinlicher ist bei einer Fahrt mit einem Deutschen Taxi ums Leben zu kommen, als bei einem Terroranschlag. Und in Ho Chi Minh City sterben täglich diverse Menschen im mehr als turbulenten Scooter-Verkehr. Als ich dorthin fuhr, fragte mich aber komischerweise niemand, ob ich Angst hätte, wobei ich dort auf den Fußwegen, die in der Rushhour von Motorrädern überrollt wurden, teilweise Todesängste ausgestanden habe.

Was ich damit sagen will: lasst euch von Terrormeldungen nicht einschüchtern, nur weil sie ständig durch die Medien geistern (die schließlich auch Einfluss darauf haben, was sie pushen). Natürlich sollt ihr nicht in Kriegsgebiete reisen, aber weil in einem Land zweimal im Jahr eine Bombe hochgeht (so schrecklich das auch ist), wird es dort nicht direkt überall hochgefährlich.

Mövenpick Istanbul Terrasse2

Entspannt in Istanbul

Sind Reiseboykotte sinnvoll?

Dann wäre da noch der andere Aspekt, warum manche Menschen bestimmte Länder nicht bereisen: der politsche. Dieses Thema sehe ich etwas differenzierter und kann es zum Teil durchaus verstehen, dass man die Politik eines Landes, hinter der man absolut nicht steht, nicht unterstützen möchte. Doch an dieser Stelle muss man sich fragen, wie sinnvoll es ist, das Land (bzw. die zahlreichen Länder) einfach zu ignorieren. Und wie gerechtfertigt. Ich sehe zwei Hauptgründe, warum ich Reiseboykotte für nicht sinnvoll halte.

  1. Wie entscheide ich überhaupt, welche Länder ich boykottiere? Meistens geschieht dies ja nicht wohl überlegt, sondern man geht mit der Masse. Wenn ein Land in den Medien verrissen wird, dann darf man da eben nicht mehr hin, die Reiseboykotte beginnen. Und komischerweise passiert das vorrangig bei Islamischen Ländern. Aber wenn man ganz korrekt wäre, dann müsste man doch die politische Lage eines jeden Landes hinterfragen, denn ein bisschen Dreck am Stecken haben sie ja fast alle. Zum Beispiel ist es mir total wichtig, dass Flüchtlinge aufgenommen und gut behandelt werden. Doch in wie vielen Ländern geschieht das eigentlich? Viele Süd- und Osteuropäische Länder sind da nicht gerade vorbildlich. Und die Schweiz hat doch via Direktdemokratie dagegen gestimmt, mehr Ausländer aufzunehmen. Die Länder sollte man dann nicht mehr bereisen, oder? Und um es auf die Spitze zu treiben: wenn wir z.B. nach München reisen, Dresden oder Hamburg, dann erkundigen wir uns ja zuvor auch nicht, was die Landesregierung dort gerade so treibt. Das Ruhrgebiet darf ich dann natürlich gar nicht mehr besuchen, denn schließlich gibt es dort überdurchschnittlich viele AFD-Wähler. Meiner Meinung nach bleiben also kaum mehr Reiseziele, die wir dann noch wirklich reinen Gewissens besuchen könnten, gingen wir nach diesem Prinzip.
  2. Hilft so ein Reiseboykott dem Land überhaupt irgendwie? Oder ist nicht gegenseitiger Austausch viel sinnvoller, ein offenes Zugehen auf verschiedene Kulturen? Zum einen stehen ja lange nicht alle Einwohner eines Landes hinter der aktuellen Politik. Sie alle zu “bestrafen” halte ich für sinnlos. Und zum anderen sind letzten Endes die Leidtragenden des ausbleibenden Tourismus ja nicht unbedingt diejenigen, die verantwortlich für die Lage sind. Als ich letzten Sommer in Istanbul war, habe ich beispielsweise erlebt, wie viele Menschen im Hotel- und Gastrogeschäft Angst um ihren Job hatten und sehr traurig darüber waren, dass die Gäste ausblieben. Und sie haben sich alle über Erdogan aufgeregt und standen definitiv nich hinter seiner Politik. Jetzt stehen in der Türkei schon massenweise Hotels regelrecht leer, an der Politik hat sich aber nichts geändert, im Gegenteil. Wie sollen weiterere Reiseboykotte da also helfen? Ein anderes Beispiel wären meine Arbeitsaufenthalte in Malaysia. Was die Politik dort angeht, hätte ich das Land eigentlich meiden müssen (Homosexualität ist streng verboten, die Einheimischen werden nach Rassen unterteilt, etc.). Ich bin aber heilfroh, dass ich zweimal dort war, um Deutsch zu unterrichten, denn meine Schüler haben mir sehr viel Wärme und Herzlichkeit vermittelt. Zudem denke ich, dass mein Aufenthalt dort beide Seiten (die Schüler und mich) toleranter gemacht hat. Sie haben durch mich einen Lebensstil vermittelt bekommen, den es dort so gut wie nicht gibt (alleinstehende Frau ohne Kinder und ohne Religion reist allein um die Welt) und ich bin offener gegenüber den Themen “Religion und Tradition” geworden. Zwar bin ich nach wie vor froh, kein streng religiöses Leben führen zu müssen, habe jedoch auch viel von den positiven Seiten eines muslimischen, hinduistischen oder christlichen Lebens mitbekommen, über die ich vorher nie nachgedacht hatte.
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Mit den Mädels aus meiner Deutschklasse in Malaysia

Ich freue mich also sehr auf meine Reise nach Ägypten, darauf im Roten Meer zu baden, Land und Leute ein wenig kennenzulernen und das lokale Essen zu probieren. Auch möchte ich wirklich gerne noch einmal in die Türkei dieses Jahr, ziehe in Erwägung im Spätherbst nach Indien zu reisen und dann schauen wir mal. Die Welt ist groß, schön und bunt und wir sollten versuchen so viel wie möglich von ihr kennenzulernen, um uns unsere eigenen Bilder zu formen, eine eigene Meinung zu bilden. Und nicht die der anderen einfach zu assimilieren.

Oder was meinst ihr?

13 Kommentare

  1. Wichtiger Artikel. Es geht schnell, dass du von der allgemeinen Stimmung mitgerissen wirst und nicht mehr objektiv bist.

    • Danke Bruno. Und ja, leider ist das so. Macht mich immer wieder traurig und gerade deswegen fand ich es auch so wichtig darüber zu schreiben

  2. Hallo Katharina,

    ein sehr guter und wichtiger Artikel. Angst habe ich auch nicht beim Reisen, da ist es glaube ich im Moment ja auch fast “gefährlicher” nach London oder Paris zu fahren…

    Bei Reiseboykotten sehe ich das ein kleines bisschen anders, jedenfalls habe ich im Moment auch einen “laufen”. Ich habe mich ganz bewusst dazu entschieden, nicht mehr in die USA zu fahren, bis sich die Politik dort geändert hat. Für mich ist das krasse dort einfach der Rückschritt, die Menschen haben alle Ressourcen und Möglichkeiten eine informierte Entscheidung zu treffen und haben sich trotzdem so entschieden, da kann ich irgendwie nicht mehr entspannt dort Urlaub machen. Ich habe viele Freunde dort und hatte eigentlich einen Besuch Ende des Jahres geplant, diesen dann aber wieder abgesagt.

    Du hast schon Recht, wenn man diese Messlatte an jedes Land anlegen würde, könnte man wahrscheinlich nicht mehr reisen. Auch Nepal hat unmögliche Politiker, aber da kann ich ein kleines bisschen besser nachvollziehen, wie die an die Macht gekommen sind, weil die Menschen oft einfach nicht so richtig wissen, für wen sie da eigentlich wählen.

    Aber das ist nur meine Meinung und ich kann deinen Standpunkt sehr gut nachvollziehen, denn Mr. Trump wird bestimmt nicht durch meinen Boykott getroffen… Trotzdem könnte ich es grad nicht mit mir vereinbaren, dort Urlaub zu machen.

    Viele Grüße,
    Eva

    • Danke liebe Eva für deinen langen Kommentar. Ich verstehe deine Argumentation genauso und du hast dir ja auch hinreichend Gedanken gemacht und daraus resultierend die Entscheidung getroffen. Und klar, wenn du dich nicht wohl oder dir selbst nicht treu bleibend fühlen würdest, dann ist es so für dich das Richtige :-). LG vom Flughafen (wartend auf den Flieger nach Ägypten)

  3. Danke, Katharina, für Deine offenen und reflektierten Artikel! Ich sehe das ganz genauso! Ich werde oft angefeindet, weil ich ausgerechnet China zu meinem Lieblingsland erkoren habe. Es ist wichtig, gerade auch in solche Länder zu reisen, denn nur so kann man sich ein eigenes Bild machen, kommunizieren und feststellen, dass es überall freundliche, offene und weise Menschen gibt.
    Dein Beispiel, dass Du in Malaysia Deutsch unterrichtet hast, finde ich sehr gut.
    Gute Reise nach Ägypten! Ich war zweimal dort: Es ist fantastisch!
    Ulrike

  4. Ein sehr schöner Artikel, meine Liebe und du triffst es genau auf den Punkt. Ein Reiseboykott schadet vor allem den Menschen eines Landes und ändert, meiner Meinung nach, rein gar nichts an der Situation. Und gerade in diese Länder sollten wir doch reisen, in denen die Lage vielleicht nicht so ist wie in Deutschland oder in denen die Kultur eine ganz andere ist, denn nur so können wir auch die Menschen hinter den Kulturen, den Religionen usw. kennen lernen. Und wie du sagst: Die Politik einer jeweiligen Regierung sagt rein gar nichts über seine Menschen aus, da diese in den meisten Fällen selbst gar nicht dahinter stehen! Danke für diesen sehr wichtigen Artikel 🙂

  5. Hallo Katharina,

    Du hast das Thema wirklich sehr gut auf den Punkt gebracht und ich stimme dir absolut zu! Ich habe letztes Jahr in meinem Blog ebenfalls Stellung dazu genommen:
    http://aworldkaleidoscope.com/reise-iran-moralisch-vertretbar/

    Beim Thema Terrorgefahr muss ich immer an einen Freund aus Usbekistan denken, der jahrelang auf eine Europa-Reise gespart hat. Doch nach den Anschlägen in Paris, Brüssel und Berlin haben seine Eltern ihn gezwungen, stattdessen nach Australien zu fahren, weil Europa ja offensichtlich viiiiel zu gefährlich ist 😉

    Apropos Australien: Das Land hat eine absolut ekelerregende Flüchtlingspolitik (einfach mal “Stop the boats” googlen) und die Ureinwohner leben in teilweise entsetzlichen Verhältnissen. Trotzdem würde niemals jemand auf die Idee kommen, einen Australien-Urlauber anzufeinden. Das zeigt einfach nur die heuchlerischen Doppelmoral, die bei der ganzen Reiseboykott-Debatte an den Tag gelegt wird.

    VG Steffi

    • Danke für deinen tollen Kommentar. Die Schandtaten, die es dann in Australien zu geben scheint gelangen ja auch niemals in unsere Medien. Man steuert uns ja in der Auswahl der Reiseziele. Und die meisten machen das so mit. Und was Europa angeht, da sind ja auch in so manchen Ecken der Welt aktuell Reisewarnungen rausgegeben, für ganz Europa 😉

  6. Von diesen Boykott-Aktionen gegen Reiseziele halte ich garnichts. Ich akzeptiere es ja, wenn Menschen wegen Angst oder Vorbehalten nicht in bestimmte Länder wollen. Ist deren Entscheidung, sollen sie es halt lassen.

    Aber dieses rechtfertigen müssen derjenigen, die dann doch dahin reisen, geht mir auf die Nerven. Soll doch einfach jeder dahin reisen, wo er will. Das geht inzwischen soweit, dass Kunden unseres Reisebüros sich bei uns dafür rechtfertigen, weil sie in die Türkei oder nach Ägypten wollen, ganz von sich aus. Das ist doch irre.

    Generell halte ich es für sinnvoll weiter in solche Länder zu reisen. Vielleicht versteht man dann, warum die dort so leben, wie wir es von unserem Blickwinkel auf die Welt nicht verstehen können. Wir müssen einfach mal aufhören unseren Lebensstil als einzig wahren zu sehen und diesen überall hin exportieren zu wollen. Vielleicht klappt unsere Art zu leben in anderen Ländern einfach nicht, weil die kulturellen Unterschiede einfach zu groß sind.

    LG Thomas

    • Danke Thomas, ich kann deine Worte zu hundert Prozent unterschreiben. Das mit dem westlichen Missionsgedanken nervt mich auch. Man kann seine Art zu leben für sich selbst zwar als richtig ansehen, muss sie aber ja nicht allen anderen aufdrängen. Und damit, sich gegen jemanden zu stellen, erreicht man zudem auch in den wenigsten Fällen etwas. Ich bin da mehr für gegenseitiges Verständnis und Empathie. Lg aus Ägypten

  7. Liebe Katharina,
    Ich finde dass du hier ein wirklich sehr wichtiges Thema ansprichst. Das mit der Terrorgefahr sehe ich ziemlich genauso. Natürliche ist es tragisch wenn so etwas passiert, aber wenn man auf Reiseziele verzichtet weil dort kürzlich eine Katastrophe passiert ist, schadet man nur den Personen die dafür absolut nichts können.

    Ich finde es aber auch einen großen Fehler von den Nachrichten das Katastrophen so unglaublich aufgepusht werden. Du weißt ja dass ich in einem Hotel groß geworden bin, und das ist vielleicht ehr ein kleineres beispiel, aber wir hatten vor 3 Jahren ein Hochwasser bei uns in der Nähe. Bei uns in der Nähe heißt 15km entfernt, und trotzdem haben die Leute noch 1 Jahr nach der Katastrophe bei uns angerufen, und gefragt ob man bei uns überhaupt Urlaub machen kann. Wir hatten keinerlei Einschränkungen, da wir aber in der Region des Hochwassers lagen, dachten alle das man bei uns nasse Füße bekommt, und die Gäste blieben größten Teils aus.
    Ein typisches Beispiel wie Katastrophen Berichte, der Gastronomie & dem Tourismus schaden.

    Genau deswegen bin ich auch nach London geflogen. obwohl es drei Tage vorher einen Anschlag gegeben hat. Ich möchte keinen Reiseboykott begehen und damit den Menschen schaden, die wirklich überhaupt keine Schuld trifft. Es ist so viel wahrscheinlich bei Frühjahrsputz von der Leiter zu fallen oder einen tödlichen Autounfall zu haben, als bei einem Anschlag ums Leben zu kommen. Ich kann und will mich in meinen Leben nicht in einen Wattebausch packen, damit mir nur ja nichts passiert.

    Bei einer schwierigen politischen Lage fällt es mir sehr viel schwerer bestimmte Länder nicht zu boykottieren. Das beste Beispiel dafür ist momentan denke ich die USA. Ich wollte schon immer gerne dort hinreisen, und als Trump gewählt wurde, dachte ich mir sofort, mensch das kannst du ja jetzt nicht mehr bringen. Aber im Grunde ist es genau das gleiche wie mit der Terrorgefahr. Durch einen Reiseboykott schadet man nur den menschen, die nichts für die Lage können.

    Außerdem finde ich auch, das man gerade in solche Länder reisen sollte. Wenn du dein ganzes Leben mit dem Glauben aufgewachsen bist, dass es falsch ist homosexuell zu sein, und dir nie jemand begegnet ist, der es ganz normal findet dass jeder jeden lieben darf, wie sollst du dann deine Meinung ändern können? Es ist so wichtig das wir uns alle austauschen, damit sich jeder seine ganz eigene Meinung von der Welt bilden kann.

    Ein sehr schöner Beitrag!
    Ganz Liebe Grüße
    Luise

    • Wow, das ist ja mal ein langer Kommentar und so ein toller :-). Danke dafür! Das Beipsiel aus eurem Hotel veranschaulicht es ja auch nochmal ganz deutlich, welchen Einfluss die Medien haben und wie viele Menschen sich davon oft fälschlicherweise beeinflussen lassen. das ist echt so schade, dass so manch einer nicht um die Ecke denkt…:-(

  8. Guter und wichtiger Artikel! Als ich letztes Jahr drei oder vier Tage nach dem Putschversuch über Istanbul geflogen bin, waren auch alle fassungslos. Aber der Flug war eh schon gebucht.
    Man lässt sich schnell von der Angst mitreißen. Aber ich finde, dass man sich immer die Frage stellen sollte: Leiden unter meinem Boykott überhaupt diejenigen, die ich damit treffen will? Und oft nicht, oft trifft es die normale Bevölkerung, die vom Tourismus lebt. Deshalb finde ich, man sollte nicht vorschnell für einen Boykott entscheiden.
    LG
    Kathi

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